Eigenarbeit
Alternative zur Erwerbsarbeit?

von Sylvia Hämmerle (1999)
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Mit dem Ziel, den Gedanken der Eigenarbeit in Karlsruhe zu fördern und ein "Haus der Eigenarbeit" zu gründen, formierte sich im Januar 1998 in Karlsruhe der Verein WerkStadt e.V. - Verein zur Förderung von Eigenarbeit. Sylvia Hämmerle, die Autorin des nachfolgenden Beitrags ist derzeit 1. Vorsitzende dieses Vereins.
 

Was versteht man/frau unter Eigenarbeit?

Eigenarbeit heisst: eigene Bedürfnisse durch eigenes Tun, nach eigenen Vorstellungen, Ideen und Bedürfnissen zu befriedigen; allein oder gemeinschaftlich etwas herstellen, reparieren oder organisieren. Sie kann dabei handwerkliche, soziale oder kulturelle Aktivitäten umfassen.

Eigenarbeit geschieht in eigener Regie, mit eigenem Zeit- und Geldaufwand, mit eigenen Händen und Verstand. Sie hilft mit, die alltägliche, fremdbestimmte Lohnarbeit im Erwerbssystem oder Arbeitslosigkeit durch sinnvolle Beschäftigung zu kompensieren.


Voraussetzungen für Eigenarbeit

Zunächst muss ausreichend freie Zeit zur Verfügung stehen, um entsprechende Aktivitäten entfalten zu können. Zeitknappheit gilt nicht zufällig als wesentlicher Grund dafür, dass Menschen Tätigkeiten an andere Personen delegieren (Haushaltshilfe), sie automatisieren (Autowaschanlage) oder fertig hergestellte Produkte kaufen (Möbel, Kleidung), anstatt diese Arbeiten selbst durchzuführen.

Dann sind auch finanzielle Mittel notwendig, um beispielsweise Verbrauchsmaterial und Werkzeuge zu beschaffen. Die dritte wichtige Vorbedingung ist, dass ein Raum als Werkstatt, zur Lagerung von Arbeitsmaterialien und Werkzeugen oder als Treffpunkt zur Verfügung steht.

Schliesslich müssen die Menschen über ein gewisses fachbezogenes Wissen, Erfahrungen, Fertigkeiten und Geschicklichkeit verfügen und Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten haben.


Eigenarbeit braucht einen öffentlichen Raum

In München gibt es ein Haus der Eigenarbeit (HEi) und in Karlsruhe entsteht die WerkStadt Karlsruhe. Professionell eingerichtete Werkstätten sowie Mehrzweckräume stehen gegen eine Nutzungsgebühr zur Verfügung und ermöglichen Eigenarbeit. Menschen erproben hier ihre handwerklichen Fähigkeiten, hier werden sie kulturell tätig und knüpfen neue soziale Kontakte. Das HEi München und die WerkStadt Karlsruhe schaffen vielfältige Alternativen zum passiven Konsumieren.

So kann im Werkstattbereich z.B. Holz, Metall, Textil oder Ton be- oder verarbeitet werden. Mit fachlicher Unterstützung wagen sich auch ungeübte NutzerInnen an Arbeiten heran, die ausserhalb ihrer gestalterischen und handwerklichen Fähigkeiten liegen. Dies kostet bei vielen zunächst einmal Überwindung. Zweifel kommen auf: Kann ich das? Bin ich nicht zu dumm, zu ungeschickt? Werden mir andere bei der Arbeit zuschauen? Werde ich mich blamieren?

Doch wenn diese anfänglichen Unsicherheiten überwunden sind und nach einiger Mühe das Regal, das Kleidungsstück oder die Theatergruppe Gestalt angenommen haben, dann stellen sich Gefühle ein, die viele EigenarbeiterInnen so nicht erwartet hätten: Persönlicher Stolz, Freude oder sogar Überraschung über das Geschaffene und eine neue Sichtweise für das Tun anderer. Auch das Bedürfnis, weiterzumachen, sich zu verbessern, gehört oft dazu.


Eigenarbeit verändert die Lebenseinstellung

- Persönlich:

Während des Tuns von der Idee bis zum Ergebnis werden Schlüsselqualifikationen eingesetzt und erprobt, Kompetenzen erweitert, Phantasie angeregt. Auch die Erfahrung von Anstrengung und Mühe, unter Umständen auch die der Selbstüberschätzung oder des Scheiterns, kann manchmal auftreten. Menschen, die an diesem Punkt zu resignieren drohen, können durch Unterstützung der FachberaterInnen lernen, dass ein zweiter und dritter Versuch lohnen. Das Gefühl der Selbständigkeit und die Lust zur Mitgestaltung und zur Einmischung wachsen.

- Ökologisch:

Kaputtes wird repariert und Altes wird kreativ in neue Dinge verwandelt. Beim Neubau wird über die Umweltverträglichkeit der verwendeten Materialien nachgedacht. Auch, ob beispielsweise eine chemische Oberflächenbehandlung nötig ist oder ob es dafür umweltschonende Alternativen gibt. Und schliesslich: Ein Eigenbau-Meisterstück wandert nicht so schnell auf den Müll. Die Folge: Ressourcen werden geschont.

- Ökonomisch:

Einkommenseinbussen durch einen geringeren Anteil an der Erwerbsarbeit oder durch Verlust des Arbeitsplatzes können durch Eigenarbeit kompensiert werden. Mehr Eigenarbeit eröffnet auch die Möglichkeit, auf ein verändertes Arbeitsangebot flexibler zu reagieren, wodurch eine Arbeitszeitreduzierung oder Teilzeitarbeit möglich werden.

Schliesslich verändert Eigenarbeit auch das eigene Verhältnis zum Geld. Geld als alleiniges Medium, das uns Glück oder Unglück zuteilt, verliert dadurch an Bedeutung.


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